Im Schatten der Ballungszentren? – Wohnen im ländlichen Raum

Im Schatten der Ballungszentren? – Wohnen im ländlichen Raum

Im Jahr 2008 leben weltweit erstmals mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land. Für Nordrhein-Westfalen mit seinen zahlreichen Oberzentren ist das keine neue Entwicklung.

Dennoch lassen Prognosen aufhorchen: Die Urbanisierung wird sich auch in NRW weiter verstärken. Wie lebt es sich heute auf dem Land? Welche Konzepte haben unsere ländlichen Kommunen und die Wohnungswirtschaft, welche Vorstellungen Bauherren und Architekten? Bei der dritten Vor-Ort-Veranstaltung von "NRW wohnt" in Siegen ging es um diese und andere Fragen.

„Wir sind hier nicht im Schatten von Ballungszentren. Die Siegerländer leben sehr gut und sehr gerne in dieser schönen Region.“ Paul Breuer, Landrat des Kreises Siegen-Wittgenstein, rückte zu Beginn seines Vortrags über die „Generationen-Region“ die aus seiner Sicht falsche Aussage des Titels der dritten dezentralen „NRW wohnt“-Veranstaltung gerade. „Im Schatten der Ballungszentren - Wohnen im ländlichen Raum“ stand über der Veranstaltung der Architektenkammer NRW, zu der am 20. August rund 130 Interessierte in die Siegerlandhalle kamen.


Anregende Vorträge in der Siegerlandhalle von Steffen Mues (Bürgermeister Siegen, 3. v. r.), Paul Breuer (Landrat, 4. v. r.), Michael Arns (Vizepräs. AKNW, 5. v. r.) und Reiner Daams (MBV, 6. v. r.) - Fotos: Schlabach

Oftmals hohe Lebensqualität im ländlichen Raum

Auch AKNW-Vizepräsident Michael Arns hob in seiner Begrüßung darauf ab, dass der ländliche Raum in Nordhrein-Westfalen oftmals eine hohe Lebensqualität aufweise. Zugleich gab er aber zu bedenken, dass in der politischen Diskussion das Augenmerk oft auf die Großstädte und Ballungsräume gelegt werde. „Die Architektenkammer ist heute bewusst hierher nach Siegen gekommen, um vor Ort über die künftige Entwicklung der vielfältigen ländlichen Regionen unseres Bundeslandes zu sprechen“, betonte Arns, der als Architekt in Siegen arbeitet.


AKNW-Vizepräsident Michael Arns begrüßte die 130 Gäste


Reiner Daams, Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen

Anlass zu einer intensiven Analyse insbesondere der demografischen Entwicklung des Sieger- und Sauerlandes gibt es ausreichend, wie Reiner Daams vom Ministerium für Bauen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen verdeutlichte. Zwar stagniere gegenwärtig noch die Zahl der Bewohner in der Region; spätestens ab dem Jahr 2020 sei aber ein starker Rückgang zu erwarten, der auch die Nachfrage nach Wohneigentum drastisch reduzieren werde. „Ich warne deshalb eindringlich davor, dass die Kommunen weiterhin immer neue Einfamilienhausgebiete am Rande der Siedlungsbereiche entwickeln“, so Daams. Die Regionen müssten differenziert und kooperativ auf die Bevölkerungsentwicklung reagieren.

Eine Region als "Marke"

Der Grundstein für eine solche Entwicklung sei bereits gelegt, betonte Landrat Paul Breuer. Im so genannten Südwestfalenprozess hätten sich fünf Kreise mit den örtlichen Kammern zusammengeschlossen, um die Region gemeinsam zu einer starken Marke zu entwickeln. Zudem werde man im Rahmen der „Regionale 2013“ dafür Sorge tragen, dass Abwanderung verhindert, Wohnungsleerstände vermieden und die Mobilität der Bevölkerung sichergestellt wird. Südwestfalen solle dazu als Region der Generationen punkten. Dazu würden zum Beispiel gegenwärtig verstärkt Pflege- und Betreuungsdienste gefördert.


Darius Djahanschah und Prof. Eberhard Eickhoff vom LWL - Amt für Landschafts- und Baukultur in Westfalen

Beispiele dafür, wie neue, gemeinschaftsorientierte Wohnformen in innerörtlichen Bereichen realisiert werden können, präsentierten Prof. Eberhard Eickhoff und Darius Djahanschah vom LWL-Amt für Landschafts- und Baukultur in Westfalen. Sie plädierten dafür, regionale Spezifika in der Sieldungsentwicklung und der Architektur stärker zu berücksichtigen. „Wir brauchen mehr Authentizität für den ländlichen Raum“, forderte Prof. Eickhoff. Darius Djahanschah warb dafür, auch im Städtebau mehr bürgerliche Rücksichtnahme einzufordern. „Heute wird in vielen Siedlungen gebaut, ohne dass auf die städtebauliche Einbindung geachtet wird. Wir müssen zurückfinden dazu, dass Siedlungen wieder eine Einheit und damit den Menschen auch wieder eine Heimat werden.“

Behutsame Neunutzung bestehender Gebäude

Auch Klaus Beck, Architekt und Stadtplaner aus Bielefeld, belegte mit eindrucksvollen Beispielen aus dem ostwestfälischen Raum, wie die behutsame Neunutzung bestehender Gebäude für einzelne Bauherren, aber auch für Bauherrengemeinschaften eine hohe Wohn- und Lebensqualität im ländlichen Raum ermöglichen kann.


Klaus Beck, Architekt und Stadtplaner aus Bielefeld

„Der ländliche Raum war früher dadurch geprägt, dass Wohnen und Arbeiten räumlich eng beeinander lagen. Das ist heute - dank der modernen Technik - wieder für viele möglich“, meinte Beck und stellte den Umbau einer alten Scheune zu einem Fotostudio vor. Wichtig war dem Stadtplaner auch die angemessene Integrierung neuer Baukörper in die Landschaft. So habe er in den 1990er Jahren in Werther bei Bielefeld ein Neubaugebiet entwickelt, bei dem der Siedlungsrand fließend in die umgebende Landschaft überging.


Moderator Bernd Müller (r.) stellte im Gespräch mit Bauherren und Architekten interessante Bauwerke aus der Region hier; hier mit Architekt Wolfgang Roetzel und Bauherrin Sabine Klüner-Beumer.

Attraktive Beispiele für das Bauen im ländlichen Raum wurden zwischen den Vorträgen durch Moderator Bernd Müller (früher WDR) vorgestellt. Im Gespräch mit Bauherren und ihren Architekten arbeitete Müller dabei jeweils die Besonderheiten des Bauwerks heraus. Bei mehren Beispielen, die allesamt in diesem Jahr auch am Tag der Architektur für die Öffentlichkeit zugänglich waren, stand der angemessene Umgang mit denkmalgeschützter Bausubstanz im Vordergrund. Ein Thema, das angesichts der demografischen Entwicklung in den ruralen Regionen Nordrhein-Westfalens sicherlich noch intensiv zu diskutieren sein wird.

Beispiel 1:
Mehrgenerationen-Haus in ehemaliger Hofanlage (Werther)

Beispiel 2:
Wohnhaus mit Potenzial zum Mehrgenerationenwohnen (Menden)

Beispiel 3:
Denkmalgeschütztes Fachwerkhaus (Hamm-Rhynern)

Öffnet einen internen Link im aktuellen FensterDokumentation / Material